Weibergeschichten, Teil 3 Giolanta, 79

Giolanta Koraka, 79 fotografiert in meinem Atelier

GIOLANTA

”….Julia, ich bin 79 Jahre alt, aber irgendwie fühle ich mich innerlich als ob ich 18 bin, immer noch wie ein junges Mädchen! Ich weiß nicht warum!”

Das ist einer der ersten Sätze die aus dem Mund dieser wunderbaren, lebenslustigen Frau kommen, als ich ihr zum ersten Mal begegne. Und ich denke mir still: “ warum ist ja auch eigentlich völlig egal, aber was auch immer du machst, um dich so zu fühlen, höre nicht auf damit und bitte verrate mir, was es ist!”

GIOLANTA ist eine faszinierende Frau. Sie ist durch und durch Griechin, doch sie lebt seit über dreißig Jahren in München und fühlt sich hier zuhause.

Lebensfreude, Schalk und Intelligenz blitzen aus ihren schönen, klaren, blauen Augen und mit ihrer tiefen Stimme und dem starken griechischen Akzent klingt es wunderbar, wenn sie das sagt und danach in ein tiefes Lachen verfällt.

GIOLANTA lebt allein, doch ihr ist nie langweilig. Sie liebt die Menschen, und doch liebt sie es auch allein zu sein, sie sagt, da tankt sie wieder Kraft. Das kenne ich nur zu gut.

Von Giolanta geht mit ihren 79 Jahren eine unglaublich positive Lebensenergie, ja ein Strahlen aus.

Sie lebt seit 1992 in München und ist im Januar 2025 unfassbare 79 Jahre alt geworden. Sie kontaktiert mich, weil sie schöne Portraits möchte, von sich, für sich und ihre Kinder und Enkelkinder.

Ich darf sie in meinem Atelier und auch bei sich zuhause in ihrer Wohnung in Neuhausen portraitieren.

Während unserer Sitzungen frage ich sie, was sie nach München gebracht hat vor über dreißig Jahren und ob sie Griechenland, die Wärme, die Sonne, das Essen, die Menschen denn nicht vermissen würde und so erfahre ich ein bisschen mehr über diese besondere Frau:

Vor langer Zeit begleitet sie als junge Frau ihren Ehemann irgendwann einmal auf einer Geschäftsreise nach München und ab diesem Zeitpunkt weiß etwas in ihr, dass diese Stadt irgendwann einmal ihr Zuhause sein wird, doch sie denkt über diese Vorahnung nicht weiter nach. Zurück in Athen ist sie ihrem Mann eine liebevolle Ehefrau und Mutter ihrer zwei Kinder.

Als ihr Mann viel zu jung stirbt und sie mit ihren zwei nun schon fast erwachsenen Kindern allein dasteht, spürt sie, sie muss weg von Athen und geht 1992 mit ihren Kindern den mutigen Schritt nach München für einen Neuanfang.

Sie beginnt als Lehrerin für Griechisch an der Münchner Volkshochschule. Ihre Klassen sind gut besucht, ja voll und sie liebt diesen Job, den sie über zwanzig Jahre bis zur Rente voller Freude und Enthusiasmus ausübt.

In ihrer Freizeit gibt sie Kindern mit Lernschwierigkeiten Nachhilfe, auf ihre ganz besondere Art, sie zeichnet mit ihnen, singt und tanzt, und lässt so ihre sprühende Lebensfreude auf sie überfließen.

Nebenbei: Dass sie hochgebildet und intelligent ist, schwingt in jedem ihrer fast beiläufigen Worte mit. Sie steht mit den Dichtern und Denkern der griechischen Prosa und Poesie auf Du und Du , beherrscht Altgriechisch und Latein, hat das Zeichnen von Portraits von einem griechischen Ikonenmaler in ihrer Kindheit gelernt, schreibt griechische Gedichte, spielt Klavier….mir schlackern die Ohren….

Auf meine Frage “Was ist das Wichtigste und Schönste für dich im Leben? “ antwortet sie:

“Lieben und geliebt werden, den Menschen, die in Not sind helfen und mit einem guten Gewissen schlafen gehen. “

Und wenn sie heute ihrem 20jährigen Ich gegenüber stehen könnte würde sie ihr Folgendes mitgeben:

“Das Leben ist eine Überraschung Giolanta! Der Weg ist das Ziel. Genieße ihn.”

Zum Abschied schenkt mir Giolanta den Ausdruck eines Gedichtes , des griechischen Autors Konstantin Kavafis, das dieser im Jahr 1911 verfasst hat:

Ithaka, Konstantin Kavafis, 1911


Brichst du auf nach Ithaka,

bitte darum, der Weg sei weit,

von Abenteuern voll und von Erkenntnissen.

Die Lästrygonen und Zyklopen,

den zornigen Poseidon fürchte nicht,

Dergleichen findest du auf deinem Wege nie,

wenn dein Denken hoch, und wenn erlesenes

Gefühl an Geist und Leib die rühren.

Den Lästrygonen und Zyklopen,

dem ungebärdigen Poseidon wirst du nicht begegnen,

wenn du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst,

wenn deine Seele sie nicht vor dich hinstellt.


Bitte darum, der Weg sei weit.

Viele seien es der Sommermorgen ,

wo du einfährst- so froh im Herzen,

mit welcher Freude- in nie gesehene Häfen.

Anhalten sollst du bei der Phönizier Faktoreien,

sollst ihre feinen Ware kaufen,

Perlmutt, Korallenschmuck und Ebenholz

erregendes Parfüm von jeder Art,

reichlich, soviel du kannst, erregendes Parfüm;

und in Ägypten geh in viele Städte,

dass du lernst und lernst von den Gelehrten.


Immer halte Ithaka in deinem Sinn.

Dort anzukommen ist dein Ziel.

Doch keinesfalls beeil dich auf der Resie..

Besser, dass sie viele Jahre währt;

Und erst wenn du alt geworden, lande

auf der Insel, reich an allem,

was du unterwegs erworben hast, und

hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum schenkt.


Ithaka gab dir die schöne Reise.

Ohne Ihthaka wärst du nie aufgebrochen.

Anderes kann es dir nicht mehr schenken.

Und findest du es arm, Ithaka betrog dich nicht.

So weise, wie du nun geworden, mit so viel Erfahrung,

da hast du ohnehin verstanden, was die Ithakas bedeuten.

———

Ich denke, ich habe verstanden, wunderbare Giolanta.

LET LOVE RULE.

Shine, baby shine.

Shine your Light! Always!

Liebe Leserin, wenn auch Du mir und anderen auf dieser Platform deine Geschichte erzählen möchtest, dann klick doch einfach hier und melde dich bei mir

Love, Julia

Next
Next

Weibergeschichten, Teil 2